Das Wasserkraftwerk der OVAG in Lißberg

Es ist vielleicht die am idyllischsten gelegene Anlage der OVAG: das Wasserkraftwerk in Ortenberg-Lißberg am Fuße des Vogelsbergs. Verträumt liegt es mit seinen Seen zwischen Hügeln und Wäldern am Fuße der Lißberger Burg, direkt am Vulkanradweg, über eine Birkenallee zu erreichen. Hier produziert die OVAG seit rund 90 Jahren Naturstrom – lange, bevor es den Begriff „regenerative Energie“ überhaupt gab. 1923 ging das Nidderkraftwerk ans Netz, um die Menschen in halb Oberhessen mit Strom zu versorgen, heute würde der Ertrag für Lißberg und Umgebung reichen.
Das Wasserkraftwerk ist zwar ein Zwerg im Vergleich zu den üblichen Kraftwerksgrößen, aber seine Kosten werden durch den jährlichen Stromertrag von durchschnittlich drei Millionen Kilowattstunden immerhin gedeckt. Die OVAG hält das Kraftwerk in Schuss und in Ehren, denn es ist mit den Plänen von 1906 die erste Anlage, die das Zeitalter der Stromversorgung in Oberhessen einläutete – auch wenn sie zunächst so teuer war, dass die Pläne für Jahre in den Schubladen verschwanden. Erst, als das Braunkohlekraftwerk in Wölfersheim die Stromversorgung in den Zwanzigern nicht mehr allein bewältigte, wurde mit dem Bau des Wasserkraftwerks begonnen.
Die beiden Stauseen, die das Wasserkraftwerk speisen, findet man am nahegelegenen Höllberg, nämlich in Hirzenhain und, nur einige hundert Meter entfernt, im Lauf des Hillersbachs. Sie liegen fast genau auf gleicher Höhe und sind mit einem Stollen verbunden – so haben sie immer die gleiche Wasserhöhe. Zusammen bilden sie einen Speicher von über 160.000 Kubikmetern Wasser. Der Wasserstand wird automatisch gemessen und reguliert. Im Sommer kann es schon mal sein, dass das Kraftwerk mehrere Tage lang stillsteht, weil sonst der vorgeschriebene Pegel in den Seen unterschritten würde.
Von den Stauseen aus fließt dasWasser durch den Werkskanal zum Druckausgleichsbehälter oben auf dem Berg – genannt das Wasserschloss. Dieser Turm steht 60 Höhenmeter über dem Maschinenhaus des Kraftwerkes, von hier fällt das Wasser durch ein 270 Meter langes und ein Meter breites Rohr talabwärts. Mit bis zu 3,8 Metern pro Sekunde schießt das Wasser im Maschinenhaus durchs Triebrohr zu den beiden Maschinensätzen mit 750 bzw. 1500 Kilowatt Leistung. Welcher Maschinensatz zum Einsatz kommt, hängt davon ab, wie viel Wasser aus den Stauseen abgeleitet werden kann. Beide Maschinen mit ihren Francis-Turbinen sind noch original aus dem Baujahr 1921. Das Wasser trifft im Turbineninnern auf ein Laufrad, und seine Kraft wird in eine Drehbewegung umgesetzt. Die Turbinenwelle rotiert mit bis zu 750 Umdrehungen pro Minute und treibt direkt einen Asynchrongenerator an. Das entspricht einer Netzfrequenz von etwa 50 Hertz. Dann wird der Generator an das Netz gekuppelt und die Maschine gibt Strom ab, zunächst an einen Transformator, der den Strom von 5.000 Volt auf 20.000 Volt hochtransformiert. Dann wird die Energie ins Freileitungsnetz eingespeist. Aus den Turbinen fließt das Wasser durch eine Ableitung in ein Auffangbecken ab, das direkt vorm Kraftwerk liegt. Von hier aus gibt es einen Auslauf in die Nidder, die vom Hirzenhainer Stausee aus kommend am Kraftwerk vorbeifließt.