Im Dorf wird es warm


Den Tüchtigen winkt das Glück. Die neue, auf umfassenden Befragungen und Berechnungen beruhende Studie ergab, dass man durchaus planen könne. Und damit hatte Bergheim den lange ersehnten Startschuss, der neue Energien freisetzen sollte und der ein Darlehen ermöglichte. Das Kraftwerk konnte gebaut werden. Die Rohre wurden durchs gesamte Dorf verlegt, unter den Straßen, Bürgersteigen und Privatgrundstücken. 6.000 Euro zahlt jeder Genosse für die Geschäftsanteile, der sich ans Nahwärmenetz anschließen wollte. 115 der knapp 200 Haushalte haben sich für das neue Wärmekonzept entschieden. Mehr als die Hälfte der Bergheimer Bevölkerung sind inzwischen Genossenschaftsmitglied. Es gibt auch Gründe, nicht mitzuziehen. Vielleicht, weil man Sonnenkollektoren auf dem eigenen Dach angebracht hat, oder weil die private Ölheizung gerade erst erneuert worden ist. „Und dennoch erlauben uns einige, die Rohre auch unter ihren Garten zu legen, selbst wenn sie keine Mitglieder der Genossenschaft sind“, sagt Hartmut Langlitz.
Als es im Winter so kalt war, brachten Bürger Kaffee für die frierenden Bauarbeiter. „Die Baustelle gehört zu uns und alle wissen, dass wir am Ende von dieser Investition profitieren werden.“ Bundesweit kann man inzwischen Genossenschaftsanteile zeichnen – das Kraftwerk soll Gewinn abwerfen. Dieser Gewinn wird nicht nur finanziell messbar sein. Davon sind auch Bernd Reißmann und Rupert Hoeppe vom Forstamt Nidda überzeugt. „Sie müssen sich das so vorstellen“, sagt er, „Holz bindet Kohlendioxid, das bei der Verbrennung in die Atmosphäre freigesetzt wird. Die Nutzung von Holzhackschnitzeln aus nicht industriell verwertbaren Ästen und Kronenholz ist dennoch umweltschonend. Denn Holz, das nicht zu Spanplatten oder Möbeln verarbeitet werden kann, das verrottet im Wald. Es verfault. Und während des Fäulnisprozesses wird wiederum Kohlendioxid freigesetzt – ebenso viel wie beim Verbrennen.“
Bernd Reißmann versichert, dass hier keinesfalls die schöne Landschaft verfeuert wird. „Der Holzvorrat im heimischen Wald verdoppelt sich alle zehn Jahre. Was an den günstigen klimatischen Bedingungen und dem mit Mineralien gesättigten Vulkanboden liegt.“ Dazu kommt, dass für Hackschnitzel lediglich zwei Prozent der später produzierten Energie für die Gewinnung des Rohstoffs aufgewendet werden müssen, während für die Gewinnung von Heizöl zwölf, für die Gewinnung von Erdgas 14,5 Prozent der später nutzbaren Energie aufgewendet wird. Das Holzhackschnitzelheizkraftwerk spart so zirka 300.000 Liter Heizöl. Jährlich.
Im tiefen Hessen blüht also eine Ortschaft auf, die andere beinahe aufgegeben hätten. Doch jetzt erfährt das ganze Dorf neuen Auftrieb – gewachsen aus dem Engagement für eine neue Zufahrtsstraße und für ein millionenschweres Energieprojekt. Die Bürger wollen nun bleiben. Weil es plötzlich warm geworden ist am Rande des Vogelsberges.

Artikel aus Change - Das Magazin der Bertelsmannstiftung 2/2011

Publiziert am: Donnerstag, 14. August 2014 (2206 mal gelesen)
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