Da staunte eine Ortenberger Familie nicht schlecht, als sie bei Bauarbeiten plötzlich auf einen aus Sandstein gemauerten Schacht stieß. Wohlgemerkt mitten im Nebengebäude, das gerade zu einem Café umgebaut wird. Gerade dort, wo sich eines Tages die Gäste wohlfühlen werden, ging es unübersehbar nach unten. Die Neugier war geweckt und so legte Hauseigentümer Thomas Taddeo den zugefüllten Schacht frei.

 
Allerlei Fundstücke traten dabei zutage – wie auch beim etwa 40 cm tiefen Aushub rund um den Schacht herum. Schnell füllten Tonscherben, Knochen, verrostete Eisenteile, ein kupfernes Herz, alte Fläschchen und ein Sandstein Relief die Fensterbänke. Bis zu einer Tiefe von 1,80 m legte Herr Taddeo den Schacht frei. Der Fachmann wusste er wo mit Vorsichtig und Umsicht gearbeitete werden musste. Schließlich sind Altbauten das Steckenpferd des Maurermeisters.
 
Bei der erreichten Tiefe scheint ein abgeschrägter Stein nun den weiteren Verlauf zur Straße hin anzuzeigen. Von weiteren Grabungen wurde jedoch abgesehen. Stattdessen entschlossen sich die Eigentümer, den Fund publik zu machen und Menschen zu informieren, die möglicherweise Licht ins Dunkel bringen könnten. Zumal man mittlerweile vor dem ca. 100x50cm großen senkrechten Schacht einen mit großen Basaltplatten gepflasterten Fußbodenentdeckt hatte.
 
Also schoss Yvonne Taddeo Fotos, berichtete in einer kurzen Mail über den Fund und sandte alles zusammen an Denkmalschutz, Stadtverwaltung und Stadtarchivar. Irgendjemand würde schon wissen, worum es sich hier handelte, so die Hoffnung der Familie, die inzwischen seit einigen Jahren auf dem alten Hof lebt, der auf den Grundmauern eines Burgmannenhauses errichtet worden war. „Wir sind auf diesem Hof schon auf einige Überraschungen gestoßen“, berichtet Frau Taddeo. „Im heutigen Büro war vor uns dreißig Jahre niemand drin gewesen. Seit dem hat es für den Raum nämlich gar keinen Zugang mehr gegeben. Doch das, was mein Mann jetzt ausgebuddelt hat, ist schon etwas ganz Besonderes.“
 
Mit dieser Ansicht stand sie nicht allein da. Kreisarchäologe Dr. Lindenthal mit Assistent Roland König, Bauamtsleiter Knickel und die historisch interessierte Marion Meuser waren der Einladung gefolgt und begutachteten den Fund, den Dr. Lindenthal als spannend bezeichnete. Er bedankte sich außerdem dafür, hinzugezogen worden zu sein, da viele Eigentümer diesen Schritt auf unbegründeter Furcht vor Problemen scheuen.

Viele Ideen zum Schacht kamen zur Sprache. Herr Knickel zog mögliche Parallelen zu Kellern in Lißberg, warf jedoch auch ein, dass es sich einfach um einen „Kühlschrank“ gehandelt haben könnte. Dass die Abdeckung, die Herr Taddeo als Schutz über die Öffnung gelegt hatte von unten gefroren war, könnte ein Hinweis darauf sein. Frau Meuser wies auf den Gang hin, den Martin Fürst zu Stolberg Roßla vor vielen Jahren am Schloß gefunden hatte. Er beendete die Grabung damals wegen Einsturzgefahr. Könnte es sich hier um etwas Ähnliches handeln? Eine Möglichkeit, die dem Archäologenteam jedoch nicht plausibel erschien. Weshalb sollte man dafür erst einmal senkrecht in die Tiefe steigen – oder wie käme man im Umkehrschluss aus dem Schacht heraus, wenn man von der anderen Seite gekommen wäre?

Neuen Ideen stellten sich neue Fragen gegenüber.
 
Nun ging es an die Dokumentation. Herr König fotografierte den gesamten Raum um den Schacht akribisch Dezimeter für Dezimeter. Zum Schluss ging es dann auch noch hinunter, denn eine gemauerte Rundung gegenüber der Abschrägung könnte darauf hinweisen, dass der Schacht einst auf einen alten Brunnen aufgemauert wurde. Schließlich hat im Laufe von vielen Hundert Jahren seit der Zeit der Burgmannen hier Generation auf Generation gebaut und ihre baulichen Veränderungen als Fingerabdrücke hinterlassen. Um vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, nahm Dr. Lindentahl eine Mörtelprobe der runden Mauerung.
 
Zustimmung fand diese Theorie auch bei dem später hinzugestoßenen Stadtarchivar Michael Schroeder, der es aufgrund der Tatsache, dass für das Schloss einst ein Brunnen außerhalb des Schlosses angelegt worden war, durchaus für möglich hielt, dass auch die Burgmannen in diesem Zuge einen Brunnen anlegen ließen.
Was den Basaltboden betrifft, so Dr. Lindenthal, kann man davon ausgehen, dass es sich hier bereits um eine Zweitnutzung der Platten handelte. Dem wiederum konnte Herr Taddeo zustimmen, weil er bei Kanalverlegungsarbeiten im Hof, nochmal 80cm tiefer auf diesen Bodenbelag gestoßen war – allerdings genauer verlegt, als nun hier im Gebäude, was auf eine eher Laienhafte Wiederverwendung hindeutet. Aus irgendeinem Grund war ein Teil des Hofbelags also einst dazu genutzt worden, den Boden im Gebäude auszulegen. Ein Ablaufstein gibt einen Hinweis auf mögliche Schlachtungen an dieser Stelle. Zum Abschied nahm das Archäologenteam gern die Einladung an, sich auch den historischen Keller anzusehen. Wenn man sowieso schon mal hier ist …
 
Familie Taddeo ist stolz auf diese weitere Besonderheit ihres Zuhauses. Schließlich gehört zu dem Einzelkulturdenkmal schon der geräumige Gewölbekeller aus Burgmannenzeiten, der samt seiner über zwei Meter breiten Treppe einst einen großen Brand im 17.Jahrhundert überlebt hatte und kurioser Weise eine Toilettenanlage auf dem Hof aus dem 18.Jahrhundert, welche, ebenfalls noch im Originalzustand, gewiss auch eines Tages von den Eigentümern saniert werden wird. Den Schacht als dritte Besonderheit hätten Taddeos im späteren Gastraum gern in Szene gesetzt, doch die aufsteigende Feuchtigkeit verhindert dies. Einfach mit Leichtbeton zulaufen lassen, das brachten sie dennoch nicht übers Herz und entschieden sich dafür, stattdessen mit einem leichten Auffüllmaterial zu arbeiten. Leicht zu entfernen bietet dies immer die Möglichkeit, bei neuen Erkenntnissen wieder an den Fund heranzukommen, sollte dies jemals nötig sein.