Johann Martin Fürst zu Stolberg-Roßla wurde geboren am 6. Oktober 1917 in Roßla als Prinz zu Stolberg-Roßla. Der kleine Residenzort Roßla war seit 1706 Sitz dieser Linie der Stolberger Grafen (seit 1893 Fürsten) und liegt am Fuße des Harzes in der „Goldenen Aue“. Der Prinz wuchs gemeinsam mit zwei Schwestern, den Prinzessinen Christine und Marie-Elisabeth, sowie seinem älteren Bruder, Erbprinz Heinrich Botho, auf. Seine Eltern, Christoph Martin, 3. Fürst zu Stolberg-Roßla und Ida Fürstin zu Stolberg-Roßla, Prinzessin Reuß ältere Linie, sind erst kurz vor seiner Geburt von Potsdam nach Roßla gezogen. Der ältere Bruder des Vaters, Fürst Jost Christian, war erst kurz vorher im Ersten Weltkrieg gefallen, womit der Stolberg-Roßlaer Familienbesitz auf Johann Martins Vater überging.

Bereits früh zeigten sich Johann Martins besondere Interessen: Geschichte und Ausgrabungen. Noch als Jugendlicher begann er im väterlichen Schloss in Roßla ein kleines Museum aufzubauen. Prähistorische Bodenfunde aus der Umgebung bildeten den Grundstock seiner Sammlung. Das beabsichtigte Geschichtsstudium musste er durch die Einberufung zum Wehrdienst aufgeben. Während der Vertreibung und entschädigungslosen Enteignung seiner Familie aus Roßla durch die Kommunisten im Herbst 1945 wurde sein Museum geplündert und zerstört. Johann Martin war danach die Möglichkeit nicht mehr gegeben, in den heimatlichen Harz zurückzukehren. In das in der DDR gelegene Roßla durfte er als „Feudalherr“ nicht mehr reisen. Dieser durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs erlittene Verlust der angestammten Heimat sowie sämtlicher persönlicher Habe hat Fürst Martin, aber auch seine Eltern und Geschwister, tief bewegt und nicht mehr losgelassen.

Das Land Sachsen-Anhalt hat auf Antrag seines Nachfolgers, Alexander Graf zu Stolberg-Wernigerode, im Jahr 2005 dieses Unrecht der Vertreibung der fürstlichen Familie Stolberg-Roßla offiziell rehabilitiert. Die Vertreibung des Fürsten und seiner Familie aus Roßla war demnach rechtstaatswidrig und mit den tragenden Grundsätzen eines Rechtstaates unvereinbar. Desweiteren wird als Begründung für die Rehabilitierung genannt, dass die Vertreibung der fürstlichen Familie aus politischen Gründen erfolgte und aus rechtsstaatlicher Sicht ein derartiger Eingriff in die Freizügigkeit eines Menschen nur auf Grund der sozialen Herkunft undenkbar wäre.

Zur zweiten Heimat Johann Martins wurde nun Ortenberg in Hessen. Schloss Ortenberg und die dazugehörigen land- und forstwirtschaftlichen Flächen waren im Jahre 1535 als Erbe von den Grafen von Eppstein-Königstein an die Familie Stolberg gefallen. Hier begann er schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg mit umfangreichen Grabungen im ganzen Burgbereich. Seine großen persönlichen Mühen wurden sehr bald belohnt. Viele interessante Stücke aus allen Epochen der seit 1160 nachgewiesenen Burgbesiedlung konnten gefunden und restauriert werden. Er gründete 1955 das Burgmuseum Ortenberg. Nach Roßla war dies sein zweites Museum, in dem er diesmal, dank gut erhaltener Exponate, vor allem die Geschichte des eigenen Hauses darstellen konnte. Als Museumsleiter hat er die Besucher oft selber – gerne auch inkognito im grauen Arbeitskittel – durch die Ausstellung geführt. Die Ausgrabungen führte er noch bis zu seinem Tod 1982 weiter.

Dank seiner Arbeit und Initiative konnte die Bau- und Siedlungsgeschichte in der Wetterau, insbesondere der stauferzeitlichen Burgen und Siedlungen, um viele wertvolle Erkenntnisse bereichert werden.

Desweiteren hat er sich sehr um das Ortenberger Herrschaftsarchiv verdient gemacht. Nach aufwändigem Umbau hat er Urkunden und Akten aus sieben Jahrhunderten Mitte der 1950er Jahre als Gesamtbestand im Küchenbau des Ortenberger Schlosses untergebracht. Sehr gefördert hat er die stetige Benutzbarkeit der Unterlagen aus dem Archiv für wissenschaftliche Zwecke oder für Arbeiten zur Regionalgeschichte. Viele, auch aktuelle, Veröffentlichungen von Benutzern enthalten daher den Hinweis auf die Fundstelle im Fürstlich Stolberg-Roßla‘schen Archiv zu Ortenberg.

Die Mitbegründung und aktive Mitarbeit im Vorstand des Kulturkreises „Altes Rathaus“ war für Fürst Johann Martin eine ehrenvolle und dankbare Aufgabe. Die Verbindung des Hauses Stolberg-Roßla zur regionalen Kultur und Ortenberg auf diese Weise lebendig zu halten, muss für ihn als passionierten Historiker ein großes Vergnügen gewesen sein. Ohne seine Mitwirkung und das Einbringen seiner Erfahrung wäre die erfolgreiche Anfangsphase des Kulturkreises sicherlich nicht vorstellbar.