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Mit Engagement, Hingabe und Können

25. 08. 2020

Argentinischer Chor Musica Quantica gastiert auf Einladung des Männergesangvereins Liederkranz Usenborn in Ortenberg


ORTENBERG (mü). Mit begeistertem stehendem Beifall, der sich bereits unmittelbar nach dem „Gloria“ aus der „Misa Criolla“ förmlich Bahn brach, hat das Publikum in der vollbesetzten Stadthalle Ortenberg den jungen Ausnahmechor „Musica Quantica“ gefeiert.

 

Was heißt es, wenn ein Mensch singt? Kann man mit der Stimme die Not eines Entrechteten widergeben, der aus der Tiefe zu Gott ruft? Die atmenlosen Einflüsterungen des Gewissens, das einen Mörder jagt? Die flehentliche Intensität eines „Kyrie“ in der Muttersprache? Die hinreißende Sinnlichkeit eines argentinischen Tango Nuevo, die Zartheit einer Apfelblüte im Baskenland – und den sanften Wind, der Meister Leonardo da Vinci zuraunt, dass es dem Menschen doch möglich ist, zu fliegen?


Man kann. Und wie es sich anhört, wenn junge Stimmen mit aller Hingabe, allem Engagement und allem Können, dessen sie fähig sind, singend in die nuancenreiche Welt der Emotionen eintauchen, das konnte man jetzt im Bürgerhaus Ortenberg erleben. Es ist wahrlich kein Wunder, dass es danach niemandem im Saal noch auf dem Stuhl hielt. Mit der Einladung an den 2006 gegründeten Kammerchor „Musica Qauntica“ unter der Leitung von Camilo Stantostefano, Dozent am Konservatorium von Buenos Aires, war der Männergesangverein „Liederkranz“ Usenborn zum einen ein finanzielles Wagnis eingegangen (der Kreis-Anzeiger berichtete), zum anderen hatte man sich einen Traum erfüllt, ganz wie das Konzertmotto es verhieß: „I Have A Dream“.


Wer die berühmte Rede Martin Luther Kings unter dem gleichen Titel kennt, weiß, dass mit diesem Leitmotiv die Vision einer Welt der Gleichbereichtigung, des Friedens und der Einheit in aller Vielfalt ausgemalt wird. Und auch das gab es an diesem besonderen Abend zu erleben: Zu welch großer Vielfalt Gesang fähig ist – und welche Wirkung er entfalten kann, wenn er auf offene Ohren und Herzen trifft.


Durch das exquisite Programm ambitionierter weltlicher und geistlicher Chorliteratur führte Liederkranz-Vorsitzender Robert Wegener, der seinen Mitsängern, dem Publikum, den Ehrengästen sowie allen Helfern und Sponsoren für ihre Unterstützung beim Zustandekommen des Konzertes dankte. Zur Begrüßung von „Musica Quantica“ lud der Liederkranz unter seinem Chorleiter Matthias Schmitt mit „Benia Calastoria – Tal in den Bergen“ (von Bepi de Marzi, geb. 1935), dem komplex gesetzten „Frohen Wandersmann“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 bis 1947) und dem eindringlichen Volkslied „Im schönen Wiesengrunde“ zu einem Spaziergang über die Berge und Wiesen seiner Heimat ein – um sich dann mit voller Aufmerksamkeit den musikalischen Bildern der jungen Argentinier zuzwenden.


„Musica Quantica“ waren im Jahr 2012 zum ersten Mal auf Europa-Tournee und krönten ihre damalige Reise sowohl mit dem ersten Platz beim Internationalen Chorwettbewerb „Ave Verum“ in Baden bei Wien als auch mit dem Spitzenplatz bei der „Florilége Vocal de Tours“ in Frankreich. Aktuell ist der argentinische Chor, dem auch einige junge Frauen und Männer aus Venezuela, Chile und Paraguay angehören, über Deutschland und Österreich unterwegs nach Arezzo in Italien, wo man am 28. August am „Europäischen Chorwettbewerb für Choralsingen“ teilnehmen wird. Entsprechend wurde auch das Ortenberger Konzert von tiefgängiger geistlicher Litertur dominiert und vollzog sich im ersten Teil eine Wandlung von den Abgründen menschlicher Schicksale bis hin zu heiteren Höhen. „Itene o miei sospiri“ von Gesualdo da Venosa (1566 bis 1613) ließ die Seufzer des adeligen Fürsten und Komponisten „auf Flügeln“ zu seiner Geliebten Itene fliegen – und verheimlichte in seiner dramatischen Melodieführung mit ihren exaltierten Höhen doch nicht das Risiko dieser Beziehung: Hatte der Fürst doch einst seine junge Ehefrau und ihren Geliebten ermordet. Psalm 2: „Warum toben die Heiden“ wurde von Felix Mendelssohn-Bartholdy meisterhaft für Doppelchor gesetzt. „Musica Quantica“ zelebrierte die anspruchsvolle Polyphonie in komplett gemischter Aufstellung – jede Stimme konnte ebenso als Solo wie als Teil eines homogenen Ganzen gehört werden, so dass für das Ohr rational kaum mehr zu analysierende, dichte Klangwelt entstand.


„O sacrum convivum – O Heiliges Gastmahl“ wurde als fast tausend Jahre alte Antiphon auch von Olivier Messiaen (1908 bis 1992) vertont, dem Vater zahlreicher musikalischer Neuerungen des 20. Jahrhunderts. Dem jungen Chor gelang es hier, das Ringen um die Freiheit aller am Tisch des Herrn – eines der Grundthemen des Freidenkers Messiaen, vor allem vor dem Hintergrund seiner Kriegserfahrungen – mit großer Kraft und vollendeter Dynamik umzusetzen. „De profundis – Aus der Tiefe“ des philippinischen Komponisten John Pamintuan (geb. 1972) griff deutlich den Hilferuf des Unterdrückten auf, wie er in Lateinamerika immer noch vielfach gegenwärtig ist. Pamintuan ist auf alle fünf Kontinenten als Komponist und Dirigent tätig, sein kosmopolitischer Ansatz, eine „internationale Choralmusik der Zukunft“ zu schaffen bildet ein inhaltliche Einheit mit der Intention von „Musica Quantica“. Mit „O crux – O Kreuz“ aus der Feder des heute 98-jährigen Kurt Nystedt und „Leonardo Dreams Of His Flying Machine“ von Eric Whitacre (geb. 1970) knüpfte der junge Chor bei aller Gegensätzlichkeit der Werke an seine Tradition an, zeitgenössische Kunst in seiner Heimat uraufzuführen: Bei beiden Stücken war dies der Fall, zumal Nystedt als Meister skandinavischer Tiefe wie Innovationsfreue zeitweise Honorarprofessor an der Universität Mendoza in Argentinien war.

 

Beifallsstürme rief Whitacres magische Hommage an Leonardo da Vincis Träume vom Fliegen hervor: Die Stimmen der Winde rufen den Visionär neuzeitlicher Erfindungen atemgleich von allen Seiten her „Leonardo, Leonardo, vieni á volare! – Leonardo, komm und fliege!“ (Text: Charles Anthony Silvestri, 1965). Am Ende, so klingt es, geht dieser Menschheitstraum womöglich in Erfüllung...

 

Der zweite Teil des Konzertes gestaltete sich bodenständiger, näher am Herz der Folklore und des Volkes, deshalb aber bei weitem nicht weniger anspruchsvoll und intensiv. Mit „Fuga y Misterio – Fuge und Geheimnis“ huldigte des Chor dem großen argentinischen Meister des Tango Nuevo und des Bandoneon, Astor Piazolla (1921 bis 1992). Die Sängerinnen verwandelten sich dabei singenderweise in Tangotanzparterinnen ihrer männlichen Partner, die Solistin, ließ sich aus der Gruppe des Chores heraus gleichsam parallel zu ihrer Stimmführung in die Höhe heben.


Die freudige Frühlingsstimmung bei der Apfelblüte im Baskenland fing „Ohiu hau“ von David Azurza (geb. 1968 in Spanien) ein – um dann, von den Frauen kraftvoll und rhythmisch mit bunt geschmückten Stöcken akzentuiert, auch die Apfelernte und das Herabschütteln der Früchte zu beschreiben.
Den Höhepunkt und Abschluss des Konzertes bildete die Aufführung des „Misa Criolla“, der „Kreolischen Messe“ von Ariel Ramirez (1921 bis 2010). Mit dieser weltberühmten, unter anderem von José Carreras und der argentinischen Menschenrechtsikone Mercedes Sosa gesungenen Messe schuf Ramirez das wohl größte Werk argentinischer Sakralmusik. Die Messe besteht aus den fünf liturgischen Abschnitten der klassischen katholischen Liturgie, wobei jeder in Rhythmik und Melodieführung einer bestimmten Region Argentiniens entspricht, vom Tucumán (das trommelbetonte Kyrie) über die Anden (Gloria, in typischer Instrumentierung) bis in die Pampa (Agnus Dei).


Die „Misa Criolla“ wurde von Ramirez unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils verfasst, dass es erstmals erlaubte, die Gottesdiensttexte nicht auf Latein, sondern in der jeweiligen Muttersprache zu singen und zu beten. Ramirez konzipierte das Gesamtwerk, das von „Musica Quantica“ gleichermaßen bewegt wie freudig und berührend dargeboten wurde, als Verneigung vor dem Vielvölkerstaat Argentinien, seiner indianischen Urbevölkerung und allen Menschen, denen man die eigene Stimme und Würde nimmt.


Das begeisterte Ortenberger Publikum wartete mit seinen Standing Ovations nicht bis zum abschließenden „Danos la paz – Gib uns den Frieden!“, sondern brach schon nach dem Gloria in Beifallssstürme aus. Wechselseitige Danksagungen und die Übergabe eines Präsentkorbes durch den Vorstand der einladenenden „Liederkranz“-Sänger beschlossen einen Chorkonzert-Abend von internationalem Format, der nachhaltigen Eindruck und Bewunderung hinterließ.  

 

Bericht aus dem Kreisanzeiger für Wetterau und Vogelsberg vom 24.08.2013  

 

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