Tradition bewahren – Zukunft gestalten: OGV Ortenberg führt Mitglieder durch den Weinberg „Jakobsäcker“
Der Obst- und Gartenbauverein (OGV) Ortenberg hatte seine Mitglieder zu einer Führung durch den im vergangenen Jahr angelegten Weinberg „Jakobsäcker“ eingeladen. Rund 30 Interessierte folgten der Einladung und nutzten die Gelegenheit, sich bei sonnigem Spätsommerwetter über den Stand des Projekts zu informieren.
Zu Beginn der Veranstaltung wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Vorsitzenden Johannes Naumann begrüßt, bevor Dr. Bernd Vielsmeier die Führung übernahm. Unter seiner fachkundigen Leitung wurde erläutert, wie sich der Weinberg seit seiner Pflanzung im Jahr 2024 entwickelt hat, welche Arbeiten bereits abgeschlossen wurden und welche nächsten Schritte nun anstehen. Der Weinberg wurde in enger Zusammenarbeit mit engagierten Mitgliedern des Vereins angelegt und ist ein zentraler Bestandteil des Ziels, den Weinbau in Ortenberg neu zu beleben.
Das Projekt hat nicht nur lokalen Charakter, sondern ist auch überregional von Bedeutung: Der Weinberg „Jakobsäcker“ wird Teil der Interkommunalen Landesgartenschau Oberhessen 2027 sein. Damit erhält Ortenberg die Möglichkeit, die jahrhundertealte Weinbautradition der Region sichtbar zu machen und zugleich die Bedeutung des Weinbaus für die Kulturlandschaft und die Biodiversität hervorzuheben.
Im Weinberg finden sich sowohl traditionelle, historische Rebsorten wie Blauer Silvaner, Gelber Muskateller, Gutedel, Ruländer sowie Schwarz- und Weiß-Riesling als auch moderne, pilzwiderstandsfähige Sorten wie Donauriesling, Johanniter, Muscaris, Regent und Satin Noir. Diese Kombination aus Alt und Neu veranschaulicht, wie der OGV einerseits ein Stück regionaler Geschichte bewahrt und andererseits Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels gibt. Historische Reben sind dabei nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein wertvoller genetischer Schatz.
Einen wichtigen inhaltlichen Bezug erhielt die Veranstaltung durch den Vortrag von Dr. Franco Röckel, den der OGV im März organisiert hatte. Röckel, Wissenschaftler am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof des Julius-Kühn-Instituts in der Pfalz, beleuchtete damals unter dem Titel „Die genetischen Ressourcen der Weinrebe – Alter Wein in neuen Schläuchen?“ die Bedeutung von Erhaltung, Sammlung und Züchtung von Weinreben.
Er stellte dar, dass weltweit zwischen 6000 und 10 000 Rebsorten existieren, von denen viele kaum bekannt oder gar nicht mehr im Anbau sind. Gerade diese Vielfalt sei jedoch entscheidend, um klimaresistente, krankheits- und schädlingsresistente Neuzüchtungen entwickeln zu können. Röckel zeigte auf, wie das Julius-Kühn-Institut mit seinen umfangreichen Rebsortensammlungen und Datenbanken einen einzigartigen Beitrag leistet, dieses Erbe zu sichern. Dazu gehören nicht nur moderne Züchtungsprogramme, sondern auch die Bewahrung alter, regionaltypischer Rebsorten, die vielfach über Generationen an die Standortbedingungen angepasst wurden.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Dr. Röckel der Wilden Weinrebe, die in Deutschland nur noch auf der Rheininsel Ketsch vorkommt und auf der Roten Liste bedrohter Arten steht. Ihre genetischen Eigenschaften könnten in Zukunft für die Weiterentwicklung des Weinbaus von großer Bedeutung sein. Auch die Wetterau spielte in seinem Vortrag eine Rolle: Bereits 1799 wurden hier zahlreiche rote und weiße Sorten beschrieben, darunter Blauer Weihrauch, Roter Muskateller, Schwarzer Gutedel, Roter Traminer oder Jakobstraube. Viele dieser Sorten finden sich nun im Ortenberger Projekt wieder.
Die Führung im Weinberg „Jakobsäcker“ machte anschaulich, wie die wissenschaftlichen Impulse Röckels vor Ort aufgegriffen werden. Mit Reben aus den Sammlungen des Geilweilerhofs und der Hochschule Geisenheim werden alte Sorten zurück in die Region geholt und gleichzeitig klimarobuste Neuzüchtungen erprobt. Damit entsteht ein lebendiges Schaufenster dafür, wie Wissenschaft und lokales Engagement Hand in Hand gehen.
Im Anschluss an die Führung lud der Verein zu Kaffee, Kuchen und Tee ein. In geselliger Atmosphäre tauschten sich die Gäste über das Gehörte aus und zeigten sich beeindruckt vom Engagement des Vereins. Deutlich wurde dabei, dass das Projekt nicht nur einen Beitrag zur Erhaltung von Kulturgut und Biodiversität leistet, sondern auch die Verbundenheit der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Region stärkt.
Der Weinberg „Jakobsäcker“ steht damit beispielhaft für das, was der OGV mit seiner Arbeit erreichen will: Tradition lebendig halten, Innovation fördern und Verantwortung für die Zukunft übernehmen.
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